Frau und Mann Mann und Frau

Beatrice Simonsen

Körper steingeboren. Stein ist nicht gleich Stein, Stein kann sein: Sandstein weich bis Granit hart. Ulrike Truger weicht nicht aus. Wenn schon Stein, dann richtig. Steinhart. Also: Marmor, Granit, Serpentin. Manchmal Holz. Holz hat eine andere Qualität. Im Holz kommt das Spielerische hinzu. Die Form des Gewachsenen als Komponente. Wie ein Objet trouvé die Madonna etwa. Ein anderes ein Mann, Paolo. Zwei andere, ein Paar. Das Holzstück als solches das begonnene Werk. Die Rauheit belassen oder beschliffen, nun mit streichelglatter Oberfläche. Die Berührung überhaupt eine Komponente des Tuns. Der innere Blick der Bildhauerin nimmt zärtlich Schwestern und Töchter in Empfang: Ludowika, Rosina, Hanna, Luise, Rosa, Julia, Josefa. Und ihre Hände streichen über Stein, die raue oder glatte Fläche des Marmors, spüren das Steinschlummern. Irgendwo dann ein Funke. Jetzt zündelt es, jetzt zündet es. Da drin ist ... eine große, eine kleine, eine gigantische Idee. Eine enge Vertraulichkeit ist zwischen Frau und Stein, die man kaum zu stören wagt. Treten Kopf und Körper heraus, nimmt sich die Bildhauerin ihrer Blöße an. Ulrike Truger hat sie gefunden mitten im Stein. Mit Hammer und Meißel gefunden. Mit ihrer Hände Arbeit. Da nimmt man einfach ein wenig weg vom Stein, so, da auch ein wenig, dort mehr und dort noch ein bisschen. Und dann steht da plötzlich Josefa. Oder Rosina. Ulrike hat sie aufgeweckt aus ihrem Steinschlaf. Aufgeweckt, nicht aufgeschreckt. Josefa steht ruhig und kühn da. Kann sein, dass Ulrike Truger eine Affektierte oder eine Stolze findet. Kann sein, dass Ulrike Truger nach einem Riesenstein greift. Denn sie will eine Wächterin. Die muss anders als weiblich sein. Dann arbeitet Ulrike Truger anders. Mit Vehemenz, jeder Hammerschlag ein Gedanke. Sie braucht eine große Wächterin, weil es die Politik so will. Weil man die Politik nicht allein lassen kann. Politik braucht Augen. Und Hände. Und Hirn. Kann auch sein, dass ihren Händen eine Titanide entwächst, jawohl, eine weibliche Titanin, das gibt es. Alles gibt es auch in Frau. Nur ist das wenig bekannt. Immer noch braucht es Frauen-Ausstellungen, damit Frau gesehen wird. Danach wird sie wieder weggesperrt, die Frauenkunst. Diese hier, Ulrike Truger, wird nicht weggesperrt. Die Trugers verlangen wirklich in Erscheinung zu treten. Sie fallen auf, verstecken sich nicht. Es ist eine Freiheit in ihnen. Welche Entscheidungsfreiheit braucht es, zu sagen: Ich werde Bildhauerin, ich arbeite mit Stein. Neuerdings ist das Erlernen der Steinbildhauerei an den Akademien abgeschafft. Wozu sich dem Stein stellen, wenn man Skulpturen am 3D-Drucker ausdrucken kann? Stein ist Provokation. Wer wird ihm Herr? Wie beginnt diese Beziehung, die eine lange sein wird, zwischen der Frau im Stein und der Frau mit dem groben Werkzeug. Oder dem Mann im Stein und ihr. Denn das Leben besteht daraus: aus Frauen und Männern, aus Menschen, das ist die Essenz. Es kostet sonnendurchglühte Tage und schmerzende Handgelenke bis eine erste Begegnung möglich wird. Alles liegt im Stein, Mythos, Woge und Sturm, eine Windsbraut oder ein Herzflug. Und irgendwo steckt Gaia, die Freude dahinter, die Ulrike Truger nicht vergessen wird, wenn die Figur ganz ans Tageslicht geholt und endlich präsentabel ist. Noch ist das Werk nicht vollendet, denn jetzt braucht es einen angemessenen Platz für die Steingeborenen, die lang und zielstrebig Umworbenen. Der Platz vorm Wiener Burgtheater? Vor der Oper? Auf der Mariahilfer Straße? In der Fußgängerzone in Hartberg? Am Hauptplatz in Oberwart? Wo ist ihr Platz, damit auch jeder die Wächterin im Blickfeld hat? Und wohin mit dem Ausnahmestein, dem Omofuma-Stein. Er ist anders als die anderen. Ein Auftragswerk auf eigene Kosten. Schwarzer afrikanischer Granit. Diesmal mit schwerem Gerät bearbeitet. Wie der Mensch selbst mit schwerem Gerät bearbeitet wurde. Bis zu seinem Tod. Als er fertig ist, der Stein, beauftragt die Bildhauerin, die eine Frau der Tat ist, eine Transportfirma, stellt den Verantwortlichen die fünf Tonnen Granit vor die Füße. Bitte sehr. Da habt ihr es. Erinnert ihr euch, wofür? Schon vergessen? Asylant? Abschiebung? Der Mensch tot. Hier sein Grabstein. Auf dass wir alle an ihn denken. Ulrike Truger nimmt sich seiner, ihrer aller an. Der Liegenden und der sich Erhebenden, der Gebärenden, der Erdigen, der Wartenden, der Stolzen, der Auftauchenden. Die Bildhauerin ist eine Frau, vielleicht deshalb hat sie die Großzügigkeit, sich den Menschen im Allgemeinen zu widmen. Weil es den Frauen eigen ist, Leben zu geben. Das ist ihrem Körper eingeschrieben. Gepaart mit Kraft und Stärke ergibt das ein gewaltiges Werk, das sich Frau aussuchen darf, wenn sie sich wie Ulrike Truger über Kleinlichkeiten hinwegsetzt und mit einer Himmelsschraube ihr Zeichen in den Himmel schreibt.